Montag, 24. Februar 2014

Gib mal lieber die Möhrchen

Bryckenbrandt | Harvey - Hase der Angst

Als //mp eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einem dunklen Theatersaal wieder. Ein Mann betrat die Bühne, warnte ihn schleunigst den Saal zu verlassen. //mp fühlte sich wie angewurzelt. Das Gesicht des Mannes wurde zur vogelhaften Fratze. Eine kleine Frau erschien, suchte panisch einen Ausgang, fuhr ein unsichtbares Fahrrad. Von der Decke hing ein Fisch. Ein Gespenst fuhr in einen Pappkarton. Der Mann verwandelte sich in einen Hasen. Der Hase wickelte einer Frau eine Tüte um den Kopf. Er steppte zu ihrem Röcheln. Der Hase sagte: "Ich gieße deine Füße in Beton. //mp applaudierte aus Furcht. //mp 

Foto: Nicole Mühlberg


Schauraum

Badfood | Badfood

Musiker-WG (Gitarre, Keyboard, Metallfass) sucht neue Mitbewohner. Am besten so viele wie rein passen. Unsere Einzimmerwohnung ist komplett eingerichtet. Es gibt massig Gartenzäune, Leitern, Auspuffrohre, CD-Ständer, kaputte Telefone und Nebel. Vor allem Nebel. Da aufgrund chronischen Fenstermangels keine Sonne ins Zimmer kommt, haben wir den ganzen Tag lang Stroboskoplicht an. In unserer Freizeit spielen wir gemeinsam Noise-Mucke, schauen Filme, in denen Frauen mit Creme bestrichen werden, und schreiben Dinge an unsere Wände wie: DINOSAUR SHIT NEBULA NEBULA NEBULA. Das Zimmer liegt im zweiten Stock des HAU 2. Die Miete beträgt ein Tagesticket. Es ist frei vom 23. Februar bis zum 23. Februar. Komm vorbei, bring Hörschutz mit.

//mp

So lebte er hin

polasek&grau | Lenz von Georg Büchner

Foto: Roger Rossell
Seit Lenz zurück ist aus Waldbach ist der echt schräg drauf. Ich mein, der steht hier rum und führt lauthals Selbstgespräche mit so Artistengestalten im Schlepptau. Ich glaub im Kopf ist der noch immer da oben in den Bergen. So wie der den S-Bahnen nachschaut, den Autos nachläuft. Als hätt' der sowas noch nie gesehen. Irrer Blick, totale Nervenkirmes. Ne Horde Gaffer um ihn rum, als wär's ein Theaterstück oder so. Sehen die etwa nicht, dass der leidet? Der schreit sie doch hinaus, seine Einsamkeit! Und dann, so plötzlich wie Lenz aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder verschwunden im  Dunkeln. Und verdammt nochmal, es bricht mir das Herz!

//mp

Sonntag, 23. Februar 2014

Awooooooo!


Savage Amusement | Wer hat Angst vor meinem kleinen Wolf?


Alphawölfin – Ein Crashkurs.

Zwei Minuten im Pelzmantel auf der Stelle rennen.
Ein Liebeslied schreiben. Betrunken. Früh morgens.
Rotkäppchen-Puppentheater spielen. Ohne Puppen.
Über einhundert Fremde zu einem Howling-Voice-Choir überreden.
Ein Wolfskostüm anziehen.
“Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ spielen.
Fünf Fremde zu einem Wolfsmusik-Jam überreden.
Einen Wolfstanz erfinden.
Damit zu Elektromucke abgehen.
Männerchormusik dramatisch interpretieren.
Ausziehen. Vor über einhundert Fremden.
Eine Krone aufsetzen.
Eine Wunderkerze anzünden.
Nackt dastehen zu einem Anne-Carson-Gedicht aus dem Off.
Einen Fremden laut aus einem Wolfsbuch lesen lassen.
Dabei das Gelesene nachspielen.
Einen coolen Abgang hinlegen.
Zuhören wie dein neues Rudel nach Zugabe heult.

//mp

Verschachtelt


Ren Saibara | Wachsen Wachsen Wachsen 

eine gruppe geht um auf dem 100°, die schweigt, trägt einen schutz um den mund. der steht für etwas ungesagtes, der lässt uns fürchten wir könnten uns was fangen. eine gruppe baut haustürme aus schachteln, beklebt sie mit bildern von menschen ohne obdach. beklebt sie mit deren worten. lässt sie aufragen in einem raum voll menschen. die hausturmschachteln sind nicht unsere schachteln. die unseren sind geräumig. sind vollgestellt mit dingen. haben wasser und licht. sind warm zum drin schlafen. sind schnell zum drin fahren. sind schachteln aus stein und metall. solche die alles verdrängen. die sich wuchernd vermehren. wie unkraut. eine gruppe geht um, die gibt uns pläne zur hand. solche zum bau von häusern aus pappe. eine gruppe, die stellt uns schachteln in den weg. nackte pappe, groß genug zum drin sterben. unsere schachteln, wenn wir mal den löffel abgeben, die werden rot ausgelegt sein mit samt.

//mp

Zuckerhut und Peitsche


Mikado | Puderzucker

Das Bett wird zur Badewanne, wird zum Handtuch, wird zum Brautkleid. Zu Beginn gibt es Pralinen für jeden. Ihre Süße schmeckt man durch zwanzig Minuten Schauspiel. Vielleicht kommt es einem aber auch nur so vor. Der Grund mag sein, dass alles Gezeigte so verniedlicht wirkt. Immer ist vom Traumurlaub am Meer die Rede. Dort sei der Sand so wie Puderzucker. Weil die Perspektive die einer Konditoreiverkäuferin ist, liegen solche Assoziationen nahe. Der Schmerz häuslicher Gewalt jedoch dringt nicht wirklich durch diese Mauer zuckersüßer Vergleiche. Das Abstreifen des Eherings wird zum Tanz.

//mp

Samstag, 22. Februar 2014

Hello Kitty

Liebes Tagebuch, ich habe sie endlich gefunden.  

Das war in einem dunklen Raum. Sie kam in einem Schneeanzug, ein Katzenkäfig auf ihrem Kopf. Sie sprach: „Drin in mir, da wohnt eine Mieze. Die ist nun auf der Suche nach Milch.“ Dann zog sie sich aus, war halb nackt darunter. „Ich kuschle gern“, das sagte sie. „Schlafe viel, mag Fleisch und Spazieren. Mein Gesicht, das wasch ich am Tag fünfzehnmal.“ Sie sang mir was vor, sang ganz leise. Der Text ging: Miau Miau Miau. Sie tanzte, sprach zitternd ihr Mauzifest, sagte: „Katzenfrauen-Power, das ist bedingungslose Liebe.“ 

 









Liebes Tagebuch, dann ging das Licht wieder an.

//mp


Freitag, 21. Februar 2014

Die unverrückbare Zwölf. Vom Bloggen über Tiefsinniges


Und dann sitzt du da im HAU1 mit deinem Schreibblock und siehst zu, wie dort jemand mit einer überdimensionalen Schere aus Pappe rumhantiert und dir damit irgendwas sagen will, natürlich ohne ein Wort zu verlieren, und du notierst dir: Richtig große Schere. Und würde dich irgendjemand fragen, was das zu bedeuten habe, dann würdest du wahrscheinlich stammeln: Na so Nabelschnur. Abnabelung irgendwie … so Mutterkomplex, siehe Freud … 

Und im Anschluss dann das Sitzen im Redaktionsbüro. Im Kopf das soeben Gesehene und vor den Augen das unerträgliche Weiß eines leeren Word-Dokuments. Links oben in der Ecke dieser kleine schwarze Strich, der den Schreibansatz anzeigt. Und blinkt. Im Halbsekundentakt. Und du wünschst dir, der Typ mit der Schere hätte irgendwann mal den Mund aufgemacht und so etwas gesagt wie: Liebes Publikum, diese Schere steht für die zunehmende Abkapselung des Individuums in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Hat er aber nicht. Nicht ein Wort. Und der schwarze Strich kommt und geht, kommt und geht. Und in der unverrückbaren Zwölf jeder Uhr lauert die Textdeadline und frisst Zeit. 

//mp


Rorschach-Test // mit polasek&grau


Geehrtes Publikum, der Alp des Wahnsinns setzt sich zu euren Füßen. Zu verdanken ist dies polasek&grau, die mit ihrer Lenz-Inszenierung Georg Büchners Erzählung neues Leben einhauchen.
Yohanna Schwertfeger schlüpft in die Rolle des Lenz'. Ein Heimatloser auf der Suche nach einem Ort der Gemeinschaft. Einer, der sich durch ein Wintergebirge schleppt, während der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm herjagt. War sein Ziel bei Büchner ein beschauliches Bergdorf, so ist es hier das unüberschaubare Berlin.
Passend zum Thema haben wir polasek&grau auf ein psychodiagnostisches Testverfahren nach alter Rorschach-Manier eingeladen. Ihre Deutungsversuche bewegen sich wahnsinnig nah am Stoff ihres Stückes.



                         Lenz springt. 






                     Lenz hält seine Predigt. 





            Lenz bei Oberlin. 




Lenz mit seiner Mutter. 


Lenz als Katze.




//mp

polasek&grau
Lenz von Georg Büchner

Freitag, 21 Uhr
Vor dem HAU2

Sonntag, 18 und 20 Uhr
Sophiensaele Hof

„Wie sahen die Bomben aus?“ - „Schwarz und wie eine Faust.“



Bühne für Menschenrechte | Die Asyl-Monologe

Marianne schimpfte, sie fühle sich so unkultiviert, und da bin ich halt mit. So von allein wär ich ja nicht gegangen. Ich mein, also was diese Kurdin uns erzählt hat, von der Folter in dem Frauengefängnis, wo sie elf Jahre eingesperrt war. Ich glaub das hat schon was gemacht mit mir. Und dass das so schwer ist mit dem Asylzeugs, wie die behandelt werden und dass die alle abgelehnt werden, davon kriegt man ja so auch nichts mit. Also auf der Maloche. Oder beim Skat. Das erzählt einem ja keiner. Und bei Togo, da dachte ich vorher ja auch nur an Partys, wo man sich so Laken um die Hüften schwingt. Ach ne, das ist ja Toga. Aber dass Leute von dort fliehen vor Bomben, das hat uns der Typ dann auf der Bühne erzählt. Man weiß ja so wenig, zu wenig. Ich glaub die Marianne hatte Pipi in den Augen. Danach wollt Marianne mal was Andres probieren. Wir sind dann zum Libanesen ums Eck. Marianne hat irgendwie sowas mit Humus bestellt. Zum Glück gab´s dort auch halben Hahn.
 
//mp

Bicycle Day


Somya Levin / Marcela Giesche | Left I Right I

Zwei Frauen ziehen ihre Morphsuits aus. 
Welche Farbe?
Froschgrün.
Heiß!
Strecken sie von sich, so wie abgezogene Häute.
Ihh!
Dann falten sie sie wie T-Shirts.
Und drunter?
Drunter tragen sie froschgrüne Morphsuits.
Wie jetzt?




Dann Stroboskoplicht.
So discomäßig?
Augenzerfetzend. Und Bässe wie Backpfeifen.
Und dann?
Unterwasserblubbern. Mit Sprachfetzen geloopt.
Nice!
Dazu rhythmisches Bekreuzigen .
So wie Nonnen?
Ja, wie Nonnen.
Und warum?
Because faith is an instinct for mental survival.
Raff ich nicht.
Macht nichts.

Und dann?
Dann Video. Mit Splitscreen.
Was lief?
Eine Frau. Also zweimal die Selbe.
Hä?
Einmal gut drauf, einmal schlecht drauf.
So schizo?
Genau.
Und war gut?
Mhm, mal was andres.

//mp

Donnerstag, 20. Februar 2014

Chinesisches Roulette // mit cobrainstallation.cobra


Wären Gabriel Brero, Katharina Schütz, Torben Spieker und Olivia Wenzel eine Band, dann wären sie eher unbekannt, ihre Songs hingegen rhythmisch beeindruckend.
Als Film wären sie zwar narrativ ungeil, die Special Effects jedoch der Hammer.
Als Frisur? Makellos.
Als alkoholisches Getränk? Stark.
Als Theaterstück? Penetrant!
Und als Fortbewegungsmittel so schnell, dass es sich schon wieder langsam anfühlt.


Mit ihrer Performance Der große Zerschleuniger erzählen cobrainstallation.cobra vom Innehalten und Sich-umarmen-lassen, den guten alten Zeiten, von Misserfolgen und Saunabesuchen. Bedeutet das 100° Festival nicht zuletzt auch die ruhelose Suche nach dem Nächstbesten, so wollen cobrainstallation.cobra zeigen, wie spannend die Entspannung sein kann.

//mp

cobrainstallation.cobra
Der große Zerschleuniger
Donnerstag bis Sonntag, ganztägig
HAU2 2. Stock
  

Montag, 17. Februar 2014

Vom Heiligen Pillendreher

Vogelperspektivisch betrachtet wirkt der zweidimensionale Grundrissplan des HAU1-Saals wie die Seziervorlage für einen gigantischen Heiligen Pillendreher (Scarabaeus sacer). Liest man die zahlreichen Längenangaben getreu der Legende im Maßstab 1:200, so ergeben die beiden Foyer-Wände, die den Zuschauerraum flankieren und sich zugleich als die Hinterbeine des imaginären Riesenblatthornkäfers ausnehmen, jeweils eine Länge von 12,80 m im realen Theaterraum.

Grafik: HAU Berlin


Versteht man die kreisrund eingezeichnete Drehbühne als Kopf des Insekts, so erscheint einem die Vorbühne unweigerlich als Thorax, der breitere Zuschauerraum als Abdomen mit einer Länge von 14 m und einer Breite von 10,50 m. 470 Menschen finden darin Platz.


Als Zuschauer befinden wir uns also irgendwo im Abdomen dieses monströsen Käfers aus der Unterfamilie der Scarabaeinae.
Es herrscht tiefe Dunkelheit.
938 andere, in der Finsternis umher starrende Augen.
Das Geräusch 469 atmender Lungen, plus der eigenen.
Hinzu kommen 470 grummelnde Mägen, ihr Klang, der eines nahenden Gewitters.
Gruselige (Theater-)Vorstellung.


Foto: U. Schmidt


Jedoch (oder zum Glück) wäre das Sinnbild unseres Heiligen Pillendrehers nicht komplett, würde man nicht auch auf seinen stark solaren Aspekt hindeuten, und dass er im Alten Ägypten mit dem Sonnengott Chepre in Verbindung gebracht wurde. Sein Name bedeutet der (von selbst) entstand, so wie die Ägypter auch glaubten, dass die Sonne jeden Morgen wieder von selbst aus der Erde emporsteigt.
Von selbst passiert in unserem Theatersaal-Abdomen allerdings nichts. Es braucht schon jemanden, der das Licht anknipst. Dies muss nicht zwingend ein Sonnengott sein. Im Regelfall genügt dafür ein Techniker oder eine Technikerin. Die Vorstellung eines totenstill-finsteren Theatersaals ist natürlich abwegig. In der Regel kommt man herein, alles ist soweit ausgeleuchtet, dass man seinem Vordermann nicht in die Hacken tritt und seinen Platz findet. Dann sitzt man da, genießt die Vorstellung, die Bühne ist fabelhaft ausgeleuchtet, sie dreht sich, wohin sie sich zu drehen hat, der Sound stimmt, alles ist dufte. Aber mal ehrlich, wer fragt nach den Leuten, die dieses ganze Drumherum so perfekt orchestrieren? Wer fragt nach den Leuten, ohne die jeder Theaterbesuch dem Besuch in einem finsteren Riesenkäferbauch gleichen würde? Die Antwort: Wir!

Wir haben drei Leuten sieben Fragen bezüglich ihrer Ängste und Freuden im Hinblick auf das 100° gestellt, und zwar Micky Esch, technischem Leiter des HAU2, Susanne Görres, technischer Leiterin des HAU1 und HAU3, sowie Elke Maria Koßmann von der EMK-Gästetafel, die dieses Jahr das Catering in den Sophiensaelen besorgt und gegen das gespenstische Grummeln leerer Publikumsmägen ins Feld zieht.  //mp






Sieben Fragen an Susanne Görres, Technische Leitung HAU1 und HAU3


Das Festival rückt näher. Vorfreude oder Schweißausbruch?

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Bitte bewerten Sie Ihren Festival-Einsatz der vergangenen Jahre auf einer Stressskala von 1 bis 10 (Wobei 1 für ein Wellness-Schokoladenbad steht, 10 für einen Schützengrabeneinsatz bei Vollbeschuss).

7

Wie viele Hände und Füße (die eigenen ausgenommen) gilt es als  technische Leiterin während des  Festivals  zu koordinieren? (Angabe bitte in Extremitäten)

[zum Selberausrechnen:] In HAU1 und HAU3 sind 20 Techniker im Einsatz.

Wie wird man den Ansprüchen so vieler unterschiedlicher Theatergruppen gerecht? 

Indem man die Nerven behält und freundlich und bestimmt vermittelt, was möglich und was nicht zu realisieren ist.

Die Bühne des HAU3 (Foto: HAU Berlin)

Was wäre nach Ihrem Ermessen aus technischer Sicht das denkbar schlimmste Szenario während des Festivals?

Ein Unfall, bei dem sich jemand verletzt.

Was wäre nach Ihrem Ermessen aus nicht-technischer Sicht das denkbar schlimmste Szenario während des Festivals? 

Wenig und schlecht gelauntes Publikum.

Empfinden Sie, dass Ihre Arbeit und die Ihres Teams während und nach dem Festival entsprechend gewürdigt werden?

Ja.

Was war Ihr schönstes Erlebnis während der vergangenen Festivaljahre?

Der Besuch in der Ein-Personen Disco.

//mp