Montag, 24. Februar 2014

Wenn das Nebelhorn dreimal tutet

hannsjana | Die Untergänge der Titanic

hannsjanas 45-minütige Arbeit Die Untergänge der Titanic beschäftigt sich am Beispiel von James Camerons Film Titanic von 1997 mit dem Scheitern in allen Lebenslagen. Dieses ernste Thema verlangt selbstverständlich eine angemessen ernste Haltung von den Performerinnen. Witz ist hier völlig fehl am Platz. Die Titanic und der Eisberg, die FDP und die 5%-Hürde, der Untergang der Drogeriemarktkette Schlecker und die Historie des Songs My heart will go on werden kulturgeschichtlich und -wissenschaftlich verortet und eingehend reflektiert. Dabei bleiben hannsjana stets objektiv und professionell. Eine interessante, ganz und gar lobenswerte Vorstellung. Ich gebe hannsjana für diese hervorragende Leistung eine 1,3.

//ar

Gib mal lieber die Möhrchen

Bryckenbrandt | Harvey - Hase der Angst

Als //mp eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in einem dunklen Theatersaal wieder. Ein Mann betrat die Bühne, warnte ihn schleunigst den Saal zu verlassen. //mp fühlte sich wie angewurzelt. Das Gesicht des Mannes wurde zur vogelhaften Fratze. Eine kleine Frau erschien, suchte panisch einen Ausgang, fuhr ein unsichtbares Fahrrad. Von der Decke hing ein Fisch. Ein Gespenst fuhr in einen Pappkarton. Der Mann verwandelte sich in einen Hasen. Der Hase wickelte einer Frau eine Tüte um den Kopf. Er steppte zu ihrem Röcheln. Der Hase sagte: "Ich gieße deine Füße in Beton. //mp applaudierte aus Furcht. //mp 

Foto: Nicole Mühlberg


Warum hat Brian so schönes Haar, benutzt er etwa Pflegeprodukte aus den USA


cobrakörper.cobra | Als der Körper zum Feind wurde 

Die Pubertät hat Männerhände, die sich hauen, behaarte Beine in Fußballshorts und Bäuche, die sich zu Grimassen verziehen. Die Pubertät zupft Gitarre und tanzt am liebsten Breakdance. Und dazwischen schmeißt sie gerne mal ein paar Pillen und knutscht im Busch, bis es ihr zu bunt wird – denn so viel Heimlichkeit hält sie nicht aus. Die Theatermacher Wanja van Suntum und Stephan Stock kämpfen, schmusen und beäugen sich durch ihre/unsere Pubertät, die so lange noch nicht her ist, aber sich schon weit genug anfühlt, dass man nicht aufhören möchte hinzusehen, auch wenn es schmerzt. Wir hätten auch noch ein viertes Mal geklatscht.



//ls

Am Abend lässt sich der Mensch am ehesten zu Torheiten hinreißen


Mama No Sing | Morgen früh, wenn Gott will … Britten op. 41


Was Isabelle Redfern und stefanpaul mir innerhalb von 45 Minuten beigebracht haben:

- Wie man ein Kind ins Bett bringt, ohne dass es Angst vor Albträumen bekommt
- Wie man sich selbst in den Schlaf singt
- Wie man ein Kind mithilfe einer Rute züchtigt, ohne dass Verwandte und Freunde Verdacht schöpfen
- Wie man ein Laken am besten zu einer Toga bindet
- Wie man ein Laken am besten zu einem Kopfschmuck bindet
- Wie man seine Kinder zärtlich auf spätere Enttäuschungen vorbereitet
- Wie man vor dem Schlafengehen beten sollte, um morgens wieder aufzuwachen
- Wie eine ziemlich gute Performance aussieht
Foto: Arne Schmitt
Was ich immer noch nicht weiß:
- Warum man sich vor Männern mit zusammengewachsenen Augenbrauen hüten sollte

//ar

Schauraum

Badfood | Badfood

Musiker-WG (Gitarre, Keyboard, Metallfass) sucht neue Mitbewohner. Am besten so viele wie rein passen. Unsere Einzimmerwohnung ist komplett eingerichtet. Es gibt massig Gartenzäune, Leitern, Auspuffrohre, CD-Ständer, kaputte Telefone und Nebel. Vor allem Nebel. Da aufgrund chronischen Fenstermangels keine Sonne ins Zimmer kommt, haben wir den ganzen Tag lang Stroboskoplicht an. In unserer Freizeit spielen wir gemeinsam Noise-Mucke, schauen Filme, in denen Frauen mit Creme bestrichen werden, und schreiben Dinge an unsere Wände wie: DINOSAUR SHIT NEBULA NEBULA NEBULA. Das Zimmer liegt im zweiten Stock des HAU 2. Die Miete beträgt ein Tagesticket. Es ist frei vom 23. Februar bis zum 23. Februar. Komm vorbei, bring Hörschutz mit.

//mp

So lebte er hin

polasek&grau | Lenz von Georg Büchner

Foto: Roger Rossell
Seit Lenz zurück ist aus Waldbach ist der echt schräg drauf. Ich mein, der steht hier rum und führt lauthals Selbstgespräche mit so Artistengestalten im Schlepptau. Ich glaub im Kopf ist der noch immer da oben in den Bergen. So wie der den S-Bahnen nachschaut, den Autos nachläuft. Als hätt' der sowas noch nie gesehen. Irrer Blick, totale Nervenkirmes. Ne Horde Gaffer um ihn rum, als wär's ein Theaterstück oder so. Sehen die etwa nicht, dass der leidet? Der schreit sie doch hinaus, seine Einsamkeit! Und dann, so plötzlich wie Lenz aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder verschwunden im  Dunkeln. Und verdammt nochmal, es bricht mir das Herz!

//mp

Hat Julia Engelmann eine Performance über relevante Probleme der Welt konzipiert?


Feld Fiction | something to track

Foto: Arne Schmitt
Ich finde, wir sollten die gegenwärtige Orientierungslosigkeit im Zeitalter unserer Gesellschaft anprangern, das ist nämlich wichtig. Lasst uns ganz unterschiedliche Leute zeigen, die ziellos durch den Raum laufen und abrupt die Richtung ändern oder abbremsen. Wie wäre es mit dem Studentenleben? Wir könnten das Bild aufmachen, wie junge Leute im Park sitzen, grillen und Protestlieder singen. Migration ist auch interessant. Oder Arbeitslosigkeit. Oder beides! Die deutschen Behörden und Hartz IV sind echt schwer zu bewältigen. Es gibt so viele gesellschaftliche Schieflagen. Wir sollten sie alle abhandeln. Und das am besten nicht zu kompliziert. //tot

Ich haul dich gleich – eine fast halbe 100 Wort Kritik

Gut für die Vita | Riesenhaul 

Die Schauspielerei ist ein hartes Pflaster, auf dem man sich durchzuschlagen wissen muss. Schauspielerin M. Siebert hat sich das so überlegt: Haulvideos (diese Internteschnipsel, in denen oft junge Mädchen Einkauftipps geben) mit Monologeinlagen, oder auch Menschen, die ihr ähnlich sehen, aus dem Verkehr ziehen. Das funktioniert auf der Bühne ganz gut, als Schauspielerin hätte ich Angst vor ihr. 

//ls

Is this real?

Daniela Lucato | Call me reality

*Also am Anfang war‘s ja noch ganz stylish mit den Kostümen und den Videos. //Das war so 80er Jahre Sience-Fiction Film, aber dann: Zu viel geredet. //Dann haben die so komische Vermischungen gemacht. Realität und Cyber-Space. Und auch noch auf Englisch. //Die hatten Mikroports und immer, wenn die sich umarmt haben, hat‘s so ne Rückkopplung ergeben, das war, glaub ich, ungewollt. Aber eigentlich geil. //Und Gedankenstimmen find ich auch immer richtig gut. //Das ist alles völlig außer Kontrolle geraten. //Die haben sich da voll reingesteigert und fanden das Publikum merkwürdig. //Why are you staring at me? //Dabei konnten die uns gar nicht sehen. //Die konnten uns schon sehen, aber nicht in Kontakt mit uns treten. //Semipermeable vierte Wand. //fs

Wenn er mein Herz tropfend aus dem Brustkorb hebt

Anna-Lena Kühner | Autopsie


Die nächste Begegnung mit ungekochten Spaghetti dürfte für den Zuschauer befremdlich ausfallen. Ebenso diejenige mit dem Handrührgerät seiner Küche. Trockene Spaghetti, wenn man sie bricht, klingen wie sich spaltende Knochen, ein elektrisches Handrührgerät wie ein Knochenbohrer. Ein Holzstab in einem blättergefüllten Schuhkarton schlägt Schritte durch giftigen Efeu, Papier reißt wie das Polohemd und das Handrührgerät manuell lässt die Räder des Rollbettes quietschen, auf dem Howard gelähmt, aber bei vollem Bewusstsein in den Autopsieraum geschoben wird. In einer dynamischen Verbindung aus Schauspiel und Hörspiel erzählen die drei Performer einen Alptraum von bemerkenswerter Intensität. Stephen King wäre zufrieden.   //sim

Sonntag, 23. Februar 2014

An und aus

Vera Sofia Mota / Kristoffer Ström | Second Love 

Foto: Paulo Chinatown Matosinhos


Zwei Performer, die hintereinander etwa 10 Minuten in einem dunklen Raum tanzen. Ab und zu geht ein Strahler an und dann wieder aus. Was bleibt sind Silhouetten. Und noch fast siebzig Worte, die ich mehr hätte schreiben müssen. 

Foto: Paulo Chinatown Matosinhos


//ls

I'm just a little girl caught in the middle

Kasia Wolinska | Hi Mary

Mary sagt nett „Hi!“ Das ist voll schön, weil man bei Mary alles machen kann, was man halt so gerne macht. Kleine dufte Törtchen essen. Fotoalbum gucken. Auf einer Matratze lungern. Herzkissen auf der Brust zerdrücken. Mary sieht auch hübsch aus, erst in ihrem Löwengesichtspulli, dann in königsblauem Badeanzug und Trainingshose. Lustig, dass sie ihren angezogenen Popo in einer Wanne nass macht. Süß, wie sie so heartbroken säuselt. Es riecht fein nach Seife, weil überall Fußbäder rumstehen, in die man seine Zehen hängen darf. Schuhe musste man eh ausziehen. Nett bei Mary. Mhm.

//fs

Awooooooo!


Savage Amusement | Wer hat Angst vor meinem kleinen Wolf?


Alphawölfin – Ein Crashkurs.

Zwei Minuten im Pelzmantel auf der Stelle rennen.
Ein Liebeslied schreiben. Betrunken. Früh morgens.
Rotkäppchen-Puppentheater spielen. Ohne Puppen.
Über einhundert Fremde zu einem Howling-Voice-Choir überreden.
Ein Wolfskostüm anziehen.
“Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ spielen.
Fünf Fremde zu einem Wolfsmusik-Jam überreden.
Einen Wolfstanz erfinden.
Damit zu Elektromucke abgehen.
Männerchormusik dramatisch interpretieren.
Ausziehen. Vor über einhundert Fremden.
Eine Krone aufsetzen.
Eine Wunderkerze anzünden.
Nackt dastehen zu einem Anne-Carson-Gedicht aus dem Off.
Einen Fremden laut aus einem Wolfsbuch lesen lassen.
Dabei das Gelesene nachspielen.
Einen coolen Abgang hinlegen.
Zuhören wie dein neues Rudel nach Zugabe heult.

//mp

Face Time


Louise Trueheart | Lovewell

Foto: Arne Schmitt
Du darfst dich setzen, die Schuhe kannst du anlassen. Wie geht es dir? Möchtest du einen Whisky oder ein Wasser? Weder noch, in Ordnung. Wie geht es dir? Ist es okay, wenn ich deine Lippen mit Lippenstift anmale? Nun setze ich dir die Kopfhörer auf und ich drücke auf Play. Etwas Schnelles mit Synthesizern. Ich schaue mir dein Gesicht an. Mit den Augen, aber noch viel mehr mit den Händen. Ich taste dein Gesicht ab, ganz genau taste ich dir über die Haut, an der Stirn, die Nasenlöcher entlang und ich zippe an deinen Augenlidern. Ich drücke ein Auge zu, verdrücke dein Gesicht, und natürlich musst du dabei lächeln und ich lächele zurück. Wenn ich dich dann erkundet habe und dein Gesicht ist voll mit Lippenstiftrot, drücke ich auf Stopp, ich nehme dir die Hörer ab und bedanke mich, danke, thank you so much.

//sim

Wie Sand durch Hände

Die Kneten | Aus Dauer

Manchmal kann die Zeit schneller vergehen, als gedacht. Die Riesensanduhr, die eigentlich die Aktionsspanne von Aus Dauer abstecken sollte, läuft aus, als eine Performerin versehentlich dagegen stößt. Ein Glücksfall für die Aufführung. Kunstfläche und Theatersportübung weichen einem unverhofften Dialog zwischen Akteuren und Zuschauern: „Will noch jemand etwas sagen? Zeit wäre da.“ „Die analoge ist kaputt, aber die digitale funktioniert ja noch.“ „Hat jemand ein Handy und kann die Zeit stoppen, damit wir wissen, wann wir aufhören müssen?“ „Naja, das Auto ist ja auch noch da, wenns kaputt ist.“ „Gut. Also, schaufeln wir den Sand wieder oben rein!“ 

// fs

Verschachtelt


Ren Saibara | Wachsen Wachsen Wachsen 

eine gruppe geht um auf dem 100°, die schweigt, trägt einen schutz um den mund. der steht für etwas ungesagtes, der lässt uns fürchten wir könnten uns was fangen. eine gruppe baut haustürme aus schachteln, beklebt sie mit bildern von menschen ohne obdach. beklebt sie mit deren worten. lässt sie aufragen in einem raum voll menschen. die hausturmschachteln sind nicht unsere schachteln. die unseren sind geräumig. sind vollgestellt mit dingen. haben wasser und licht. sind warm zum drin schlafen. sind schnell zum drin fahren. sind schachteln aus stein und metall. solche die alles verdrängen. die sich wuchernd vermehren. wie unkraut. eine gruppe geht um, die gibt uns pläne zur hand. solche zum bau von häusern aus pappe. eine gruppe, die stellt uns schachteln in den weg. nackte pappe, groß genug zum drin sterben. unsere schachteln, wenn wir mal den löffel abgeben, die werden rot ausgelegt sein mit samt.

//mp

Dabei sein ist alles


Niklas Leifert | Das letzte Testament
Foto: Arne Schmitt
Was, wenn sich die Reben plötzlich selbstständig machen vom Weinstock? Sie können Wasser herstellen und Licht, schließlich sogar selbst wurzeln. Der Weinstock wird überflüssig, der moderne Mann auch. Niklas Leifert nimmt einen neuen Fokus auf das Thema Feminismus und Gender: Den des werdenden Vaters. Mit ein bisschen weniger Glühbirnenfetischismus und ein bisschen mehr rotem Faden hätte das klappen können, so werden Religion, Familie und Technologie zu einem Wein verpanscht, den auch ein Student am Ende des Monats nicht unbedingt genießen kann. Auf das Neugeborene wartet man übrigens vergebens: Der werdende Vater tötet Frau und reißt das Kind mit der Hand aus der Gebärmutter, weil er dort selbst hineinkriechen will. Nunja.

//ar

Es gibt Steine



Julia Nischke | Tocotronic_Eine Liebeserklärung? 


Nach der Tocotronic Fandom-Lecture-Performance habe ich den Text von Let There Be Rock übersetzt. Mehrfach.


 
Deutsch → Englisch → Französisch → Spanisch → Russisch → Deutsch
Der Song heißt jetzt „Es gibt Steine“. Und der Text geht so:


Es gibt Steine

Wir setzten
In der langweiligste Weltbühne
Wir sprechen
Und wir fanden, dass wir es lieben, hier

Ausbeutung des Menschen
Er erreicht eine neue Qualität
Und wie kann man überall hören
Wenn die Kunst hier und immer noch behaupten Garten

Ich habe gehört, Sie sagen,
Leiser als laut
"Junge Menschen haben
Eigenbau "

Es gibt Steine (3x)

Und wir alle hassen
Vom ersten Tag
Lassen Sie uns nie
Denn eigentlich, ja, können Sie

Ich habe gehört, Sie sagen,
Leiser als laut
"Junge Menschen haben
Eigenbau "

Es gibt Steine (3x)

Es gibt Steine (3x)

Es gibt Steine (4x)

Für die Liebe Gottes
nur eine Stunde
Nur noch einen Tag

Es gibt Steine

Bart

Es gibt Steine (2x)

//tot