Montag, 24. Februar 2014

Wenn er mein Herz tropfend aus dem Brustkorb hebt

Anna-Lena Kühner | Autopsie


Die nächste Begegnung mit ungekochten Spaghetti dürfte für den Zuschauer befremdlich ausfallen. Ebenso diejenige mit dem Handrührgerät seiner Küche. Trockene Spaghetti, wenn man sie bricht, klingen wie sich spaltende Knochen, ein elektrisches Handrührgerät wie ein Knochenbohrer. Ein Holzstab in einem blättergefüllten Schuhkarton schlägt Schritte durch giftigen Efeu, Papier reißt wie das Polohemd und das Handrührgerät manuell lässt die Räder des Rollbettes quietschen, auf dem Howard gelähmt, aber bei vollem Bewusstsein in den Autopsieraum geschoben wird. In einer dynamischen Verbindung aus Schauspiel und Hörspiel erzählen die drei Performer einen Alptraum von bemerkenswerter Intensität. Stephen King wäre zufrieden.   //sim

Sonntag, 23. Februar 2014

Treffen sich Artistin und Softwareentwickler


Ein Interview mit Vera Sofia Mota und Kristoffer Ström.

What were your first experiences with theatre?

Before this project, Kristoffer had no experience in the field of performance art. He was so taken by the experience, he was heard exclaiming 'I have a body'. Vera began her training at age eleven with classical and modern dance classes in her home town, Espinho. She often says that she would like to be out of her body.

What is the idea of your art in general?

Coming from philosophical, scientific and artistic backgrounds, we want to explore concepts of bodies, movement, position and perceptions thereof. We are experimenting as we go with software and hardware technology.

How did you get the idea for the performance Second love?

In 2009 Vera did the performance There is no love like the first, where she combined classical ballet 'positions' with 'natural' movements of the body using a stroboscopic light to allow, that neither the creator nor the spectator could choose completely what was being shown or received. At this same time, Kristoffer was working on a sequencing program for music and sound.
We met in Berlin in 2011 and for Second Love we wanted to go further in exploring the relations between light, body, movement, and perception and we decided to create a structure within which we can add sounds and music as well as control the light in different ways, playing with construction and randomness and pushing the game a bit further while confronting our different physical languages under this apparatus.

How would you describe the relationship between the two of you?

We like to think about our friendship in philosophical terms, as in being stronger together than each on their own, and having a kind of common language, or pre-language, that allow us an intense exchange and questioning of each other's ways of relating, working and acting.


Vera Sofia Mota / Kristoffer Ström
Second Love
Sonntag, 17 Uhr
HAU3 Bühne                         

Face Time


Louise Trueheart | Lovewell

Foto: Arne Schmitt
Du darfst dich setzen, die Schuhe kannst du anlassen. Wie geht es dir? Möchtest du einen Whisky oder ein Wasser? Weder noch, in Ordnung. Wie geht es dir? Ist es okay, wenn ich deine Lippen mit Lippenstift anmale? Nun setze ich dir die Kopfhörer auf und ich drücke auf Play. Etwas Schnelles mit Synthesizern. Ich schaue mir dein Gesicht an. Mit den Augen, aber noch viel mehr mit den Händen. Ich taste dein Gesicht ab, ganz genau taste ich dir über die Haut, an der Stirn, die Nasenlöcher entlang und ich zippe an deinen Augenlidern. Ich drücke ein Auge zu, verdrücke dein Gesicht, und natürlich musst du dabei lächeln und ich lächele zurück. Wenn ich dich dann erkundet habe und dein Gesicht ist voll mit Lippenstiftrot, drücke ich auf Stopp, ich nehme dir die Hörer ab und bedanke mich, danke, thank you so much.

//sim

Jetzt haben wir so viel über Kakao geredet


Haneder_sommerfeld | instant Hermessteigtherab

Foto: Roger Rossell
Ich war eigentlich ganz gut in der Zeit. Auf der Straße, Wedding, Haltestelle Pankstraße, aber den Namen von der Straße, in der das Haus meiner Gastgeberin war, hatte ich vergessen. Aber Namen, das hat der Seniorensprechchor in der Performance dann später gesagt, sind auch nicht wichtig, wichtig ist, wie die Leute gelebt haben. Das muss jede Generation neu gefragt werden – wie sie gelebt hat. Ich war also gut in der Zeit auf der Straße in Wedding, ich hörte viel Türkisch, das verstand ich natürlich nicht, und ein kleines Mädchen, das sagte, sie spielt kein Instrument, weil sie darf nicht, ihre Mutter sagt, das ist zu teuer. Das Mädchen spricht schon anders als ich, und ich spreche natürlich anders als die beiden Performer später, die sprechen nämlich so wie die, die in Potsdam 1950 gelebt haben, die geben der Generation in ihrem Stück sozusagen eine Stimme. Ich bin dann mit der U-Bahn ein paar Stationen gefahren, dann bin ich ausgestiegen und in die falsche Richtung gelaufen, da wurde es dann doch noch knapp, aber weil ich auf Google Maps nachgeguckt habe, habe ich es dann gerade noch zur Performance geschafft. Das war jetzt alles nicht so spannend, aber der Seniorensprechchor hat gesagt, sie sind auf der Suche danach, sie sind auf der Suche nach dem Uninteressanten. Deswegen wurde in der Performance auch ziemlich lange über Kakao geredet, am besten instant, und über das Marktcenter und solche Sachen. Das kann dann beim Zuhören ziemlich lang werden und ziellos wirken, aber auf der anderen Seite ist es ein Versuch, Sprache und Leben in eine authentische Form zu bringen, was ja nie ganz klappt, weil es halt einfach nicht geht, aber bei Haneder_sommerfeld schon echt gut.

//sim

Samstag, 22. Februar 2014

Ein Krieg, den ihr nicht gewinnen könnt


Pascal Houdus und Anton Krause | Schöner Scheitern #11 – Pascal Houdus ist Rambo

Ich versuchte ihn zusammenzuhalten, aber es ging nicht, seine Gedärme kamen immer weiter aus ihm raus! Niemand wollte uns helfen! Joe hat geweint, er sagte: "Ich will nach Hause, ich will nach Hause!", er hat es immer wieder gesagt, "Ich will nach Hause, ich will meinen Chevy fahren!", und ich konnte seine verdammten Beine nicht finden!
Foto: Arne Schmitt
Rambo schafft es nach Hause, der letzte Überlebende seiner Special-Forces-Einheit, empfangen wird er wie ein Verbrecher. Ein Kindermörder. Wie kannst du zurückkehren, wenn du Dinge erlebt hast, die dir nicht mehr aus dem Kopf gehen? Um das herauszufinden, wird Pascal Houdus selbst zu Rambo. Eine sukzessive Transformation, die von Slapstick über Ironie zu Tiefgründigkeit hin und wieder zurück wandert. Eigentlich ein bisschen wie der Film. Sylvester Stallone brach sich bei den Dreharbeiten zu Rambo vier Rippen, Pascal Houdus musste zwar nur ein paar Rohei-Shakes trinken, aber sein Einsatz hat sich trotzdem gelohnt: Viel Lachen, viel Emotion, nur ein bisschen kürzer hätte man sich für das 100° wohl fassen müssen.

//sim

Wir haben jetzt keine Hoffnung mehr


Ulrike Günther | Frühlings Erwachen

Foto: Roger Rossell

Einmal im Traum ist Roya in den Palast des iranischen Präsidenten gegangen. Am Körper trug sie Sprengstoff, sie wollte den Präsidenten töten. Sie jagte sich in die Luft und als sie von weit oben hinabblickte, waren alle tot, nur der Präsident lebte. Er konnte nicht sterben, sagt sie, die Revolution ist nur tot. Sie spricht mit ihrem Vater aus der Ferne, ob er vergessen habe, 1979, als er kämpfte und in der Menge vorne ganz kurz bist du unbesiegbar, wie er Dinge änderte, aber am Ende habt ihr alles nur schlimmer gemacht. Roya erzählt in Deutsch und in Persisch, erzählt von ihrer Revolution, nur fünf Jahre sind vergangen, aber die Welt blickt jetzt an andere Orte. Es geht Roya gut in Deutschland, es geht mir wirklich gut, Papa, aber die Frage bleibt: War es das wert? Das alles? Ein ehrliches und bewegendes Stück Theater. //sim

Freitag, 21. Februar 2014

Don't push it!

Pascal Houdus war einmal ein ganz normaler Schauspieler. Das war, bevor er auf Anton Krause traf. Bevor der studierte Theaterregisseur und nun Regieassistent am Thalia Theater, der im Rahmen von Schöner Scheitern bereits einige Schauspieler umkrempelte, Pascal Houdus zur Kampfmaschine machte.
Pascal wuchs in Gütersloh auf, begann dann während des Zivildienstes in Berlin mit der Schauspielerei und bald drillte man ihn an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Er trug in Der Vorleser Ralph Fiennes die Tasche, er fuhr im Thalia-Theater Hamburg als Maik Klingenberg zusammen mit Tschick durchs Kornfeld, und – dies wird wohl seinem wahren Charakter am ehesten gerecht – er lebte dort, Wo die wilden Kerle wohnen.
Aber nun kehrt Pascal nach Berlin zurück, in das off-scene-Theatermilieu wie ein fremder Veteran, eine Actionfigur umzingelt von Intellektuellen. Er möchte nur ein wenig schauspielern, doch eins ist sicher: Sollte er bloß ein einziges Vorurteil wittern, das sich gegen das Action-Genre richtet, dann ist das erste Blut vergossen und es wird mehr fließen, viel mehr. Denn:
Pascal Houdus ist Rambo!

Da wir kein Bild von Pascal haben, müsst ihr euch dieses Video angucken: Pascal sieht genau aus wie der Protagonist, nur seine Haare sind etwas kürzer:



  
//sim

Pascal Houdus und Anton Krause

Schöner Scheitern #11 - Pascal Houdus ist Rambo! 
Freitag 22.00 Uhr, Sophiensaele Kantine

Janz Berlin verrückt!



Pianlola Chansontheater | … von Berliner bis Argentiner
                                                                                                                                   
Als hätten Lola Bolze und Jorge Idelsohn gewusst, dass sie beim 100° einspringen müssen, greift ihre Performance alle Hauptthemen des Festivals auf einmal auf.









Was für ein Panoptikum!



entlarvt das Berliner Chansonensemble den Kapitalismus schon nach wenigen Songs und gleich darauf prangert Lola, neben ihr lehnt der Besen am Piano, den alltäglichen Sexismus an, wenn Mann ihr sagt:



Performativ konfrontiert die Gruppe das Publikum mit dem Thema der Migration und der Migrantenfeindlichkeit.




Sollte einem Zuschauer bis hierhin aufgestoßen sein, dass Gender und Diversity-Thematiken nicht ausreichend behandelt wurden, beruhigt ihn das letzte Lied, weil bei



Ob das nun alles so intendiert war oder nicht – selten gab es einen Auftritt mit derart viel Freude, mit so viel Herzblut. Mehr davon.

//sim