Montag, 24. Februar 2014

Is this real?

Daniela Lucato | Call me reality

*Also am Anfang war‘s ja noch ganz stylish mit den Kostümen und den Videos. //Das war so 80er Jahre Sience-Fiction Film, aber dann: Zu viel geredet. //Dann haben die so komische Vermischungen gemacht. Realität und Cyber-Space. Und auch noch auf Englisch. //Die hatten Mikroports und immer, wenn die sich umarmt haben, hat‘s so ne Rückkopplung ergeben, das war, glaub ich, ungewollt. Aber eigentlich geil. //Und Gedankenstimmen find ich auch immer richtig gut. //Das ist alles völlig außer Kontrolle geraten. //Die haben sich da voll reingesteigert und fanden das Publikum merkwürdig. //Why are you staring at me? //Dabei konnten die uns gar nicht sehen. //Die konnten uns schon sehen, aber nicht in Kontakt mit uns treten. //Semipermeable vierte Wand. //fs

Sonntag, 23. Februar 2014

I'm just a little girl caught in the middle

Kasia Wolinska | Hi Mary

Mary sagt nett „Hi!“ Das ist voll schön, weil man bei Mary alles machen kann, was man halt so gerne macht. Kleine dufte Törtchen essen. Fotoalbum gucken. Auf einer Matratze lungern. Herzkissen auf der Brust zerdrücken. Mary sieht auch hübsch aus, erst in ihrem Löwengesichtspulli, dann in königsblauem Badeanzug und Trainingshose. Lustig, dass sie ihren angezogenen Popo in einer Wanne nass macht. Süß, wie sie so heartbroken säuselt. Es riecht fein nach Seife, weil überall Fußbäder rumstehen, in die man seine Zehen hängen darf. Schuhe musste man eh ausziehen. Nett bei Mary. Mhm.

//fs

Wie Sand durch Hände

Die Kneten | Aus Dauer

Manchmal kann die Zeit schneller vergehen, als gedacht. Die Riesensanduhr, die eigentlich die Aktionsspanne von Aus Dauer abstecken sollte, läuft aus, als eine Performerin versehentlich dagegen stößt. Ein Glücksfall für die Aufführung. Kunstfläche und Theatersportübung weichen einem unverhofften Dialog zwischen Akteuren und Zuschauern: „Will noch jemand etwas sagen? Zeit wäre da.“ „Die analoge ist kaputt, aber die digitale funktioniert ja noch.“ „Hat jemand ein Handy und kann die Zeit stoppen, damit wir wissen, wann wir aufhören müssen?“ „Naja, das Auto ist ja auch noch da, wenns kaputt ist.“ „Gut. Also, schaufeln wir den Sand wieder oben rein!“ 

// fs

Wimmelbild mit Wirbeltieren

Daniel Hinojo | The Mammals - Die Säugetiere

Am Anfang war das Reptil. Aus dem Reptil entwickelten sich Vögel. Andere wurden zu Säugetieren. In der christlichen Ikonographie begegnen sich Säugetiere und Reptilien. Adam weiß nichts von seinem Körper. Eva und die Schlange wissen genau. Eine Nonne, Kunstmäzenin und gewillt ihre Hüllen niemals fallen zulassen, präsentiert „in this great hall oft the avant-garde“ ihren neusten Fund: Das Gemälde „The Mammals“. Auf der Bühne entfaltet sich ein Wimmelbild, bei dem den Betrachtern die Augen übergehen mögen vor Schönheit und Skurrilität. Eine Mutter beobachtet ihr spielendes Baby. Eine Frau räkelt sich lasziv. Eine andere übt Joga. Ein Mann verfängt sich in seinem Klappstuhl. Ein Osteopath behandelt einen Körper. Ein Junge und sein Vater bauen eine Riesenangel. Bis das Bild erlischt. Als letzter verlässt ein Hund die Bühne, treuester Freund des höchstentwickelten Säugetiers. 

//fs

Samstag, 22. Februar 2014

Let’s talk about money


Geld ist geprägte Freiheit. Geld kann Leben nicht kaufen. Geld stinkt nicht. Geld ist eine Fiktion. Über Geld zu reden kann uferlos sein. Die Mitglieder der Spielzeitgruppe 12/13 des Freien Theaters Tempus fugit in Lörrach haben ein Spielfeld entwickelt, auf dem sie ihren persönlichen Kampf gegen das Scheitern am Umgang mit dem Geld austragen, die Utopie einer geldlosen Welt erproben können. Die Theaterpädagogen Benjamin Böck und Laura Jacob suchten gemeinsam mit der Gruppe nach einer Form, in der auch mit Halbwissen agiert werden kann: „Bei den ersten Arbeitstreffen zu Money Honey haben wir uns in tausend Fragen verstrickt, beispielsweise was die gängige Konsumkritik angeht.“ Gegen erhobene Zeigefinger haben sie einen Moralbuzzer eingeführt. Nun freut sich die Gruppe darauf, sich beim 100° wiederzutreffen: Seit der letzten Spielzeit, haben sich die am Stück beteiligten Praktikantinnen und Praktikanten, die die Multiplikatorenausbildung bei Tempus fugit absolviert haben, in alle Winde verstreut.

//fs

Freies Theater Tempus fugit
Money Honey
Samstag, 17 Uhr
Ballhaus Ost 

Luftikuss


Svetlana Schwin | Der Kuss

Der Titel der Soloperformance „Der Kuss“ schürt Ängste oder Hoffnungen. Die werden am Einlass befeuert werden: Ob man einen Kaugummi oder Tic Tac konsumieren wolle. Ja, danke, nimmt man lieber mal. Alle drücken sich an der Wand herum, Tanzstundenbenehmen. Die Performerin sitzt in der Mitte im Dunklen, beleuchtet mit einem Spiegel kreisrund ihren Mund. Der macht so, als sei er ein unabhängiges Wesen, ein kleiner Mond oder wabernde Masse, die sich ihres Aggregatszustands nicht sicher ist, Tor zur Außenwelt für kleine Leidenschaftsseufzer. So also sieht knutschen aus, wenn niemand am anderen Zungenende hängt! Die Dielen des Ballhauses knarzen, bei jedem Geräusch vermutet man hinterrücks den Angriff. Er bleibt aus.

//fs

Freitag, 21. Februar 2014

Ein bisschen mehr Empathie, bitte!


Normalerweise coacht Horst Gronke Teams in Organisationen und Wirtschaftsunternehmen. Für das Stück COSMOS-1 von Citsaug hat sich der Kommunikations- und Argumentationstrainer mit drei Berliner Performern zum Sokratischen Gespräch zusammengesetzt. Zeitgleich hat sein spanischer Kollege Vander Lemes mit drei Performern aus Barcelona gearbeitet. Beide Gruppen aus Nord und Süd kommen nun zusammen, um auf der Bühne zu verhandeln, wann der Punkt gekommen ist, zu sagen: Jetzt reicht’s!

100WORT: Braucht Europa mehr Empathie?

Horst Gronke: Wir müssen dringend von dieser Form der Debatte wegkommen, bei der immer nur Pro- und Kontraargumente diskutiert werden und kein Raum für direkte Begegnungen gelassen wird. Im Gespräch gemeinsam etwas zu untersuchen, Nähe und Distanz auszuloten, trägt mehr zur Verständigung bei, als vorgefertigte Meinungen gegeneinander abzustellen.

Und das Sokratische Gespräch wäre eine geeignete Form dafür?

Das Sokratische Gespräch ist in gewissem Sinne nachhaltiger. Es geht um eine philosophieorientierte Vertiefung, die eine Bewusstseinsänderung zur Folge hat und aus der neue Handlungsmuster gewonnen werden können.

Gibt die Gesprächsführung auch die Dramaturgie des Stückes vor?

Genau. Es funktioniert nach dem sogenannten Sanduhrmodell. Oben, wo das Glas ganz gerade verläuft, formuliert die Gruppe ihre Fragestellung. Bei der Engstelle konzentrieren sich alle auf konkrete Erfahrungsbeispiele aus dem Teilnehmerkreis und arbeiten in der Zuspitzung das Wesentliche des Beispiels heraus. In der unteren Hälfte der Sanduhr wird es wieder allgemeiner, philosophischer. Dann geht es darum, welche allgemeinen Maßstäbe oder Werte das konkrete Handeln leiten.

War es sehr anders für Sie, mit Theatermachern zu arbeiten?

Insbesondere für die Performer war es neu, in dieser Struktur zu proben. Idee war es, im Probenprozess nicht wie üblich aus einer Vielzahl von spontanen Ideen ein Stück zu kreieren, sondern an eine grundlegende philosophische Reflexion anzuknüpfen. Das Sokratische Gespräch ist eine anerkannte Methode, über die es mittlerweile auch viel Literatur gibt. Fürs Theater ist es meines Wissens nach zum ersten Mal Grundlage gewesen.

//fs

Citsaug
COSMOS-1
Freitag, 22 Uhr
Ballhaus Ost Saal

I got rid of PJ Harvey

fake is fabulous / inc / Juergen Bogle | rid of me - studies V

Dear Performer, du hattest ja so Recht, als du mit zitternden Händen und in einem Englisch, dem man anmerkte, dass du kein Muttersprachler bist, viel zu schnell und verhaspelt aus einer Abhandlung über Performance vorlast: „How can we write about disappearance?“ Ich habe keine Ahnung, wie ich deine fischartigen Bewegungen, deine enormen weißbestrumpften Füße, die Laute aus deinem lippenstiftverschmierten Mund, deinen weichen Körper, mit dem du, manchmal seltsam auf den Punkt, manchmal daneben, PJ Harveys Videos und Liveauftritte reenacted hast, in 100WORTe bannen soll. Ich war genervt, ich war fasziniert. Festhalten kann ich dich nicht. I got rid of you. 

//fs

Mein Haar und ich


Empa Young | Ihr Haar ist das Hässlichste an ihr

 

12 haarbasierte Fragen, drei Kategorien, 10 Sekunden Entscheidungsspielraum bis der Gong ertönt, der Sensor die Daten erfasst. Zuschauer werden zu Versuchsteilnehmern, positionieren sich innerhalb der Leuchtfelder. Das Nachdenken über das eigene Haupt- und Sonstwohaar triggert Erinnerungen, entblößt Überzeugungen. Werden mir durch meine Frisur Persönlichkeitsstrukturen zugeschrieben? Was halte ich von grauen Haaren? Bin ich nur mit Schambewuchs ernstzunehmende Erwachsene? Gegenseitige Versuchskaninchenfellbetrachtungen, intime Einsichten, Blickwechsel. Die eingespielten O-Ton-Antworten scheinen aus den Köpfen der anderen zu steigen. Am Ende Zeichenstunde. Die perfekt behaarten PerformerInnen bleiben Papierimaginationen, erscheinen nicht auf der Probebühne, um Studienauswertungen zu liefern, belassen das Spiel bei einer kurzweiligen Beschäftigung mit dem, was da auf uns wächst.

//fs 

Donnerstag, 20. Februar 2014

Wie viele Großmütter hast du?


Meret Kiderlen präsentiert beim 100° mit der Lecture-Performance Meine drei Großmütter das vierte Projekt des Archivs der Flüchtigen Dinge. Wir haben mit ihr gesprochen.


1OOWORT: Archiv und Flüchtigkeit, Archiv und Theater: das klingt für mich nach Gegensätzen…

Meret Kiderlen: Wenn man etwas archivieren will, schreibt man es auch fest. Man nimmt ihm das Lebendige. Dabei steckt in den Dingen, die man in einem Archiv bewahren will, zum Beispiel in den Erinnerungen an die oder von den Großmüttern auch immer etwas Flüchtiges, das sich weiterentwickelt, nie bleibt, was es ist. Das Theater ist ja auch immer eine flüchtige Erscheinung und kam uns deshalb als der geeignete Ort vor, um diese ständige Weiterentwicklung der Dinge zuzulassen, sie festzuhalten und gleichzeitig als lebendige Phänomene zu belassen.

Wie gestaltet sich eure Arbeit als Archivare?

Wir sind kein festes Kollektiv, sondern eher ein Kern an Leuten, die in unterschiedlichen Konstellationen zu den einzelnen Projekten hinzustoßen. Idee ist es, einen Archivaufbau jeweils so zu verdichten, dass er zum nächsten Projekt führt.

Deine Lecture-Performance Meine drei Großmütter basiert auf einem O-Ton eines Interviews mit deiner Großmutter, den ihr auch schon im zweiten Aufbau und der dritten Inszenierung verwendet habt.

Der O-Ton ist wie die Partitur des Stücks. Meine Großmutter hat versucht, auf meine Fragen zu antworten. Weil sie an Alzheimer erkrankt ist, hat das nicht richtig geklappt. Sie hat ihre Erzählung immer wieder abgebrochen und von vorne angefangen, ihr Erzählen verändert. Die Worte, die sie dabei verwendet hat, waren nicht die, die eigentlich für die Erzählung vorgesehen waren. Sehr traurig, aber auch unheimlich poetisch. Nach diesem Prinzip des Versuchens und Scheiterns funktioniert auch die Lecture-Performance.

Geht es also mehr um das Vergessen als ums Erinnern?

Um beides. Ich würde sagen, der O-Ton meiner Großmutter ist einfach nur eine Extremform davon, wie wir immer erinnern. Wir erzählen Dinge ja auch nie ganz gleich und trotzdem greifen wir immer auf Muster zurück, die wir uns selbst gesetzt haben. Hinter diesen Mustern ist die eigentliche Erinnerung oft gar nicht mehr richtig da.

//fs

Archiv der flüchtigen Dinge #4
Meine drei Großmütter
Donnerstag, 20 Uhr
HAU2 Foyer

Mittwoch, 19. Februar 2014

As long as I know how to play I know I will survive. Regelwerk einer Festivaldebütantin


Das 100° muss grauenhaft sein! Der Vorhof der Tausendmöglichkeitenhölle, die Beihilfe zum Suizid für Entscheidungsschwache. Survival of the Fittest, haucht die freie Theaterszene heiß und unheilvoll in meinen 100°-Debütantinnen-Nacken, und ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: Der schirokkoartige Luftstrom, der Überforderung und Wettbewerb verheißt und das Wasser in meinem Körper zum Sieden bringt, oder die Unwissenheit darüber, was „die aus dem Off“ schon wieder mit mir vorhaben. Ich schwitze, brauche dringend (bis morgen!) eine Strategie und wühle mich manisch durch alle 1OOWORT-Einträge meiner bloggenden Vorväter und -mütter. Aus den Fundstücken bastele ich folgendes Regelwerk, das ich, während ich mit Birkenzweigen mein glühendes Fleisch geißele, wie ein Mantra vor mich hinmurmele:

§1 Auftritte und Abgänge: Never just in time! Performances stets nach Vorstellungsbeginn aufsuchen, vor dem Applaus wieder verlassen, nächste crashen. Bei Langeweile sofort raus. Heißt für andere: Bestimmt wichtig, erlauchtes Jurymitglied, ehrenwerte Kuratorin, junger aufstrebender Regisseur. Gedanken an Vergleich mit Bildzeitungsschlagzeilenlektüre in der Kassenschlange abschütteln, lieber von der Würdigung der besonderen VIP-Aura durch ein Foto von Henrike Iglesias oder die Zerstörung meines ganz persönlichen Lieblingssongs durch Richi Rich träumen.

§2 Wahl der Unterwäsche angesichts der Unmöglichkeit eines Wechsels während nicht vorhandener Programmlücken, bei gleichzeitiger Wahrscheinlichkeit von Übergriffen auf meinen phänomenalen Zuschauerkörper in Zeiten des allumfassenden Wunsches nach Überschreitung der Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum unter Zuhilfenahme aller vier Elemente: die ungeblümte, nichtweiße, comicapplikationslose, intransparente, möglichst zusammenpassende, gut sitzende, also weder einschneidende, noch von Oma als ordentlicher Schlüpfer betitelte, lochfreie. (Ähnliches gilt für Socken respektive Strumpfhosen.)

§3 Unter Androhung des Nachsitzens auf Peters und Pauls höchstliegender Schwitzstubenpritsche zu vermeidende Fragen im WAU und an den Spielstättenbars: Sag mal, Performerbody, magst du mich von deiner wolf-of-wall-street-reifen Künstlergage nicht mal zu nem Bier einladen? / Und –  rentenversichert? Geile Schafskopfmaske – was wolltest du mir eigentlich damit sagen?

§4 Premierensekt/Nichtpremierensekt: Der erste richtet auf. Der zweite hält konstant. Und so fort.

§5 Rückgriff auf Übergangsrituale, wissenschaftlich dafür bekannt, noch jedes krisengeschüttelte Individuum in den Schoß der Zivilisation zurückgeführt zu haben. Hier: Shuttlebusfahren unter Inkaufnahme bzw. Billigung der gedanklichen Echolalie einschlägiger Zeilen aus den Demobändern. Beichtstuhlbesuche beim Klub der Kavaliersdelikte. Unterbewusstseinskritzeleien an den vorgesehen Stellen im Programmheft.

§6 Urteil: Endlich mal selber „Dschüri“ sein. Gnadenlos für den Publikumspreis abstimmen. Winterolympiadenmentalität ablegen. Eher à la Wolfgang Joop: „Du bist ein Performer, der besser zu Hause aufgehoben ist.“

//fs