Freitag, 21. Februar 2014

I got rid of PJ Harvey

fake is fabulous / inc / Juergen Bogle | rid of me - studies V

Dear Performer, du hattest ja so Recht, als du mit zitternden Händen und in einem Englisch, dem man anmerkte, dass du kein Muttersprachler bist, viel zu schnell und verhaspelt aus einer Abhandlung über Performance vorlast: „How can we write about disappearance?“ Ich habe keine Ahnung, wie ich deine fischartigen Bewegungen, deine enormen weißbestrumpften Füße, die Laute aus deinem lippenstiftverschmierten Mund, deinen weichen Körper, mit dem du, manchmal seltsam auf den Punkt, manchmal daneben, PJ Harveys Videos und Liveauftritte reenacted hast, in 100WORTe bannen soll. Ich war genervt, ich war fasziniert. Festhalten kann ich dich nicht. I got rid of you. 

//fs

Chorale Körper, Fraktale

Trigger Track Collective | Caffeinoscope



Wie ein choraler Körper neigen sich nackte Rücken im Rauschen der Stille. Eine sakrale Sonorik. Fünf Körper, die Rhythmus geben. Jeweils auf einem Bein stehend, neigen sie sich wie Halme im Wind. Als das Umfallen naht, gibt grelles Licht das Signal zum Abtritt. Das nächste Bild: Sportstück mit Assoziationen zu Riverdance und Monty Python. Hier entsteht eine choreographische Simultaneität, die sich in fraktalen Soli löst. Der Takt hält die Körper am Leben, bis die Atmung die Erschöpfung befreit. Oder nur vortäuscht? Schließlich finden sich die einzelnen Fraktale wieder. Erst einmal Tee trinken nach all der Anstrengung. Immer in Bewegung bleiben. //mn

Ungarische Tordepression

Die goldene Elf | Ohnmacht unterm Holunderblütenstrauch – Eine Werbeeinlage


Foto: Arne Schmitt
Das, was in jüngster deutscher Fußballgeschichte das deutsche Sommermärchen darstellt, ist in der Geschichte Ungarns Die goldene Elf. Von 1950 bis 1954 blieb die Mannschaft mit Starkicker Puskás nahezu unbesiegt. Die Freuden- und Taumeljahre sind lange vorbei, Desillusion hat sich im Land breit gemacht, nicht nur auf dem Fußballplatz. Einen Hauch der vergangenen glorreichen Zeit erfiebern und erjubeln sich die sechs Schauspieler_innen der goldenen Elf auf der Bühne, für die (Fußball-)Gala reicht es noch nicht. Aber hey, jeder Fußballer schießt mal daneben, und wie hat Jogi Löw schon gesagt: Es ist vieles drin, man darf emotional aber auch nicht überdrehen.

//ls

Janz Berlin verrückt!



Pianlola Chansontheater | … von Berliner bis Argentiner
                                                                                                                                   
Als hätten Lola Bolze und Jorge Idelsohn gewusst, dass sie beim 100° einspringen müssen, greift ihre Performance alle Hauptthemen des Festivals auf einmal auf.









Was für ein Panoptikum!



entlarvt das Berliner Chansonensemble den Kapitalismus schon nach wenigen Songs und gleich darauf prangert Lola, neben ihr lehnt der Besen am Piano, den alltäglichen Sexismus an, wenn Mann ihr sagt:



Performativ konfrontiert die Gruppe das Publikum mit dem Thema der Migration und der Migrantenfeindlichkeit.




Sollte einem Zuschauer bis hierhin aufgestoßen sein, dass Gender und Diversity-Thematiken nicht ausreichend behandelt wurden, beruhigt ihn das letzte Lied, weil bei



Ob das nun alles so intendiert war oder nicht – selten gab es einen Auftritt mit derart viel Freude, mit so viel Herzblut. Mehr davon.

//sim

Husten und Lachen und Gefühle


Theatergruppe NUU | Baby, ich liebe dich. Für immer. Provisorisch.


Die Matratzen sind wirklich sehr staubig. Jedes Mal, wenn sich Soraya oder Saladin darauf schmeißen,  presst sie oder er einen Schwall anorganischer und organischer Partikelchen heraus, der sich dann im gelben, manchmal violetten Scheinwerferlicht verteilt. Die Allergiker müssen husten, aber die anderen lachen. Und wenn die beiden sich nicht gerade herumwälzen oder die Megafonsirene anstellen, macht es sogar den Allergikern Spaß, der Jugendliebe beim Streiten und Versöhnen zuzuschauen. Beim „Ich hab kein Bock mehr“ und „Ich kann nicht ohne dich“. Vertrautheit und Fremdsein wechseln einander ab wie Bettbezüge, nur schneller. Am Ende allerdings gibt es sogar so etwas wie ein Happy End, provisorisch.

//sim
 

„Wie sahen die Bomben aus?“ - „Schwarz und wie eine Faust.“



Bühne für Menschenrechte | Die Asyl-Monologe

Marianne schimpfte, sie fühle sich so unkultiviert, und da bin ich halt mit. So von allein wär ich ja nicht gegangen. Ich mein, also was diese Kurdin uns erzählt hat, von der Folter in dem Frauengefängnis, wo sie elf Jahre eingesperrt war. Ich glaub das hat schon was gemacht mit mir. Und dass das so schwer ist mit dem Asylzeugs, wie die behandelt werden und dass die alle abgelehnt werden, davon kriegt man ja so auch nichts mit. Also auf der Maloche. Oder beim Skat. Das erzählt einem ja keiner. Und bei Togo, da dachte ich vorher ja auch nur an Partys, wo man sich so Laken um die Hüften schwingt. Ach ne, das ist ja Toga. Aber dass Leute von dort fliehen vor Bomben, das hat uns der Typ dann auf der Bühne erzählt. Man weiß ja so wenig, zu wenig. Ich glaub die Marianne hatte Pipi in den Augen. Danach wollt Marianne mal was Andres probieren. Wir sind dann zum Libanesen ums Eck. Marianne hat irgendwie sowas mit Humus bestellt. Zum Glück gab´s dort auch halben Hahn.
 
//mp

Liebe machen (mit Mayonnaise)

Daniel Agulló, Agata Siniarska | Those three little words

Fotografie: Ein Männergesicht. Unbeweglich und starr. Die Augen weit aufgerissen, der Mund offen. Alles ist voller Mayonnaise. Und es bewegt sich doch was: Zwei Frauenfinger, ebenfalls voller Mayonnaise, schieben sich in seinen geöffneten Mund.  Und wieder hinaus. Rein. Und wieder raus. Im Hintergrund stöhnt eine Frau. Cut. Neues Foto: Frauengesicht. Augen weit aufgerissen, Mund offen. Alles voller Tomatensoße. Zwei behaarte Männerfinger schieben sich in ihren Mund. Wieder raus. Im Hintergrund stöhnt die Frau lauter. Man denkt, man hätte Those three little words schon erraten. Eigentlich sind es aber sechs: Breathless. Fingering. Coming Soon. Tuning Love. Alle sind Those three little words. Nur besser. Du weißt, dass du es auch sehen willst.

//ar

Samstag, 17-19 Uhr
HAU1 Foyer

Sonntag, 17-19 Uhr
HAU1 Foyer